Projektmanagement Softwareentwicklung

Softwareentwicklung fĂŒr Projektleiter, Manager und Entwickler

IT-Projektmanagement RSS
  • Projektmanagement: Was kostet Fluktuation?

    Jörg Hinrichs

    Stefan war gerade in der Firma eingetroffen und machte sich in der KĂŒche einen Kaffee. Vor einem halben Jahr hatte er sein aktuelles Projekt ĂŒbernommen und alles in allem lief es sehr zufriedenstellend. Die Planung fĂŒr die Projektlaufzeit betrug 12 Monate und zum gegenwĂ€rtigen Zeitpunkt sah er keine gravierenden Probleme.

    Kurze Zeit spÀter gesellte sich Susanna zu ihm, eine von drei Entwicklern des Projekts.

    „Morgen“, begrĂŒĂŸte Stefan sie gut gelaunt, „wie geht’s?“.
    Susanna seufzte. „Ich vermute mal, Du hast das mit Frank noch nicht gehört?“
    „Nein, was ist denn mit ihm?“
    „Er ist krank geworden, irgendeine seltene Blutkrankheit, nicht lebensgefĂ€hrlich aber sehr langwierig. So wie es aussieht, wird er wohl fĂŒr den Rest des Projekts außer Gefecht gesetzt sein.“
    „Autsch!“, sagte Stefan.

    „Genau“.

    Das war auf jeden Fall ein ziemlicher RĂŒckschlag fĂŒr das Projekt. Sie waren zwar im Moment im Zeitplan, aber der Projektplan strotzte nicht gerade vor Reserven. Stefan ĂŒberlegte eine Weile und beschloss dann, mit dem Vorstand zu reden. Sie wĂŒrden einen neuen Mitarbeiter benötigen und den Fertigstellungstermin musste er auch verschieben.

    „Den Fertigstellungstermin verschieben? Auf keinen Fall!“. Herr Menge, der Vorstand, machte ein entschlossenes Gesicht. „Das ist unser erster Auftrag fĂŒr Gordon Electric Power, da möchte ich jede Terminverschiebung unbedingt vermeiden. Das könnte noch ein ganz wichtiger Kunde fĂŒr uns werden.“
    „Aber…“, wollte Stefan gerade sagen.
    „Ich weiß, was Sie denken. Einen zusĂ€tzlichen Mann kann ich Ihnen verschaffen, das kriegen wir hin. Aber der Termin muss stehen bleiben. Ich meine, sie haben doch weiterhin drei Entwickler. Wenn wir uns beeilen jemand Neues zu finden, kann das doch gar kein so großer Unterschied sein.“
    Endlich kam Stefan zu Wort: „So einfach ist das nicht. Jeder neue Mitarbeiter muss sich erst einmal in das Projekt einarbeiten. Das kostet Zeit und die fehlt uns am Ende.“

    „Als Projektleiter sind Sie natĂŒrlich bemĂŒht, immer ein bisschen Reserve in der Hinterhand zu haben. Ich verstehe das, glauben Sie mir. Als ich Projektleiter war, habe ich das auch so gemacht. Aber hier können wir uns das nicht leisten. Es sei denn Sie zeigen mir schwarz auf weiß, dass es vorne und hinten nicht reicht.“

    Das konnte Stefan nicht. Er hatte zwar ein ungutes GefĂŒhl bei dieser Sache und er sagte das auch, aber der Vorstand ließ sich nicht ĂŒberzeugen.

    „Was wir hier brauchen, ist ein bisschen Optimismus!“. Herr Menge klopfte Stefan jovial auf die Schulter: „Sie schaffen das schon. Ich habe vollstes Vertrauen in Sie! Wenn Sie ihr Team entsprechend motivieren, dann können wir den Termin bestimmt halten.“

    Es lag Stefan auf der Zunge zu sagen, dass er selten mit einem motivierteren Team gearbeitet hatte aber auch das wĂŒrde den Vorstand nicht umstimmen. Also verabschiedete er sich und verließ das BĂŒro von Herrn Menge.

    Eine Stunde spĂ€ter informierte Stefan sein Team ĂŒber das GesprĂ€ch mit dem Vorstand und die neue Situation. Alle waren sich darĂŒber einig, dass es schwer bis unmöglich werden wĂŒrde, den Endtermin einzuhalten. Aber keiner hatte einen Vorschlag, wie sich die Entwicklung wesentlich beschleunigen ließe.

    Da kam Stefan eine Idee.

    „Bevor ich hier Überstunden verordne, möchte ich wenigstens wissen wie groß unser Problem ist. Susanna, Du hast Dich doch frĂŒher mit Simulationen beschĂ€ftigt. Kannst Du uns ausrechnen, wie viel Zeit wir unter den gegenwĂ€rtigen UmstĂ€nden verlieren werden?“

    „Klar“, sagte Susanna.

    Im Anschluss an das Meeting setzte sich Stefan mit Susanna in sein BĂŒro.

    „Ok, welchen Zweck soll die Simulation erfĂŒllen? Welche Frage möchtest Du beantwortet haben?“, fragte ihn Susanna.
    „Ich möchte wissen, wieviel Zeit uns insgesamt dadurch verloren geht, dass Frank jetzt ausfĂ€llt.“
    „Gut, dann mĂŒssen wir als Erstes wissen, welchen Anteil Frank an der ProduktivitĂ€t des Teams hat. Bis wir einen neuen Mitarbeiter bekommen, steht dieser Anteil nicht zur VerfĂŒgung. Wenn wir also beispielsweise drei Wochen benötigen, um jemand Neues zu bekommen, und Frank’s ProduktivitĂ€t ein Drittel der TeamproduktivitĂ€t wĂ€re, dann benötigten wir eine Woche zusĂ€tzlich fĂŒr das Projekt.“
    „Wenn der neue Mitarbeiter die gleiche ProduktivitĂ€t wie Frank hĂ€tte“, schrĂ€nkte Stefan ein. „Es wĂ€re gut, wenn ich diese ProduktivitĂ€t variabel vorgeben kann, um verschiedene Szenarien durchspielen zu können.“
    „In Ordnung, kein Problem. Hast Du eigentlich Daten fĂŒr die ProduktivitĂ€t von Frank, Natalie und mir? Sonst ist das nĂ€mlich ziemlich sinnlos.“
    „Ja, ich habe Daten fĂŒr die letzten 9 Monate fĂŒr das ganze Team.“ Stefan ĂŒberlegte einen Moment. „Außerdem wird der Neue sich erst einmal einarbeiten mĂŒssen. WĂ€hrend dieser Zeit arbeitet er noch nicht mit voller ProduktivitĂ€t.“
    „Und vermutlich wird einer von uns ihm wĂ€hrend dieser Zeit zur Seite stehen mĂŒssen.“, nahm Susanna den Faden auf. „Das mĂŒssen wir dann ebenfalls von der GesamtproduktivitĂ€t abziehen.“
    „Genau. Vielleicht fĂ€ngt der neue Mitarbeiter auch nicht bei Null an. Das wĂŒrde ich auch gerne flexibel halten können. Schaffst Du das in einer Woche?“

    „Bis dahin habe ich auf jeden Fall etwas Brauchbares.“, stimmte Susanna zu. „Vielleicht ist es noch nicht kugelsicher, aber ein paar aussagekrĂ€ftige Zahlen sollten wir bekommen.“

    4 Tage spĂ€ter saß Susanna mit Stefan in seinem BĂŒro und stellte ihm die Simulation vor.
    „Der Einfachheit halber habe ich die Simulation mit Excel realisiert, das ging am schnellsten. Hier auf dem ersten Blatt haben wir die allgemeinen Projektdaten:“

    „Beim Projektumfang trĂ€gst Du den restlichen Aufwand in einer ProduktivitĂ€tseinheit ein“

    „Und welche Einheit nehme ich dafĂŒr?“, fragte Stefan.

    “ LOC, Funktionspunkte, vollkommen egal. Sie muss nur mit unseren Daten zur ProduktivitĂ€t der Entwickler zusammen passen. Da wir die mit unserer eigenen KomplexitĂ€tsskala messen, solltest Du diese Einheit auch fĂŒr den Projektaufwand verwenden.“

    Susanna fuhr fort: „Die Anzahl der Wochen beschreibt die restliche Projektlaufzeit. Normalerweise ist das die Zeit bis zum Fertigstellungstermin, Du kannst sie aber auch verĂ€ndern, wenn Du mal ‚was-wĂ€re-wenn‘-Szenarien ausprobieren willst.
    Die QualitĂ€t der Dokumentation reicht von nicht vorhanden (0%) bis perfekt (100%). Die Einarbeitungszeit ist die Zeit, die ein neuer Mitarbeiter braucht, bis er ohne Vorkenntnisse volle ProduktivitĂ€t erreicht hat. Ich gehe dabei davon aus, dass ausgehend vom aktuellen Know-How seine ProduktivitĂ€t Schritt fĂŒr Schritt steigt.“

    Stefan trug die entsprechenden Daten ein. „Der restliche Aufwand gemessen in unserer eigenen Skala sind 1950 Einheiten. Die Projektlaufzeit betrĂ€gt ein halbes Jahr, also 26 Wochen. Die Einarbeitungszeit setze ich mal mit 10 Wochen an und die QualitĂ€t der Dokumentation mit 50%. Was sind das fĂŒr ProduktivitĂ€ten in den Ergebnissen?“

    Simluation Fluktuation Projektdaten

    „Das zeige ich Dir gleich.“ Susanna wechselte auf das nĂ€chste Tabellenblatt. „Hier haben wir die Daten zum Team. Am besten zeige ich dir die Funktionsweise anhand eines Beispiels. Nehmen wir einmal an, dass Frank nicht ausgefallen wĂ€re und alles ganz normal lĂ€uft. Dann beginnen alle Mitarbeiter in der 1. Woche und mit einem Know-How von 100%. Dieser Wert dient als Faktor fĂŒr die ProduktivitĂ€t.“

    Susanna ergÀnzte die entsprechenden Daten:

    Simulation Fluktuation Team 1

    „So“, grinste sie, „dann wollen wir mal sehen, ob du vernĂŒnftig geplant hast!“ Sie betĂ€tigte den Button zum Berechnen und wechselte auf das Projektblatt.

    Simulation Fluktuation Modell1

    „Nicht schlecht“, sagte sie anerkennend. „1950 Einheiten Restaufwand und 2002 Einheiten GesamtproduktivitĂ€t. Da ist sogar noch ein bisschen Reserve vorhanden. Da keiner der Mitarbeiter neu dazukommt, sind auch beide Ergebniswerte gleich.“

    Susanna fuhr fort: „Als nĂ€chstes schauen wir uns an, wie die Integration des neuen Mitarbeiters den Zeitplan Ă€ndert. Dazu machen wir ein paar Annahmen:

    1. Wir brauchen 3 Wochen, um jemand Neues zu finden.
    2. Seine ProduktivitÀt entspricht der von Frank.
    3. Er verfĂŒgt ĂŒber kein Vorwissen.
    4. Ich ĂŒbernehme seine Einarbeitung und benötige dafĂŒr 50% meiner Arbeitszeit.

    Da Frank nicht mehr verfĂŒgbar ist, reduzieren wir seine ProduktivitĂ€t auf Null.“

    Susanna nahm die jeweiligen Änderungen in der Tabelle vor:

    Simulation Fluktuation Team 2

    Dann fĂŒhrte Sie erneut die Berechnung durch und prĂ€sentierte Stefan das Ergebnis:

    Simulation Fluktuation Modell 2

    „Hier siehst Du, dass wir nur noch eine ProduktivitĂ€t von etwas mehr als 1700 Einheiten haben und dadurch eine Verzögerung von ca. 4 Wochen entsteht.“
    „Wow!“. Stefan war beeindruckt. „Und wofĂŒr ist das zweite Ergebnis nĂŒtzlich, die ProduktivitĂ€t ohne den neuen Mitarbeiter?“.
    „Wenn ein neuer Mitarbeiter zum Team stĂ¶ĂŸt, dann dauert es eine Weile, bevor er das Team produktiver macht als es vorher gewesen ist. Hier kannst Du vergleichen, ob es sich ĂŒberhaupt lohnt, jemanden in das Team aufzunehmen. Beispielsweise macht es meist keinen Sinn, kurz vor Ende des Projekts eine Verzögerung durch HinzufĂŒgen neuer Mitarbeiter aufzufangen. Das hĂ€ngt natĂŒrlich stark von deren Vorkenntnissen und der Einarbeitungszeit ab.“
    „Und was steht auf den beiden ĂŒbrigen TabellenblĂ€ttern?“, fragte Stefan.
    „Das ist zum Einen eine Aufstellung der prozentualen ProduktivitĂ€t fĂŒr jede Woche und jedes Teammitglied. Und hier wird das noch einmal in Form eines Diagramms aufbereitet, dieses Mal als absolute ProduktivitĂ€t.“
    Simulation Fluktuation Diagramm

    Die nĂ€chste Stunde verbrachte Stefan damit, verschiedene Szenarien fĂŒr sein Projekt durchzuspielen. Dabei stellt er fest, dass die Verzögerung seines Projekts unter ungĂŒnstigen UmstĂ€nden, z.B. bei geringerer ProduktivitĂ€t des neuen Entwicklers, sogar bis zu 8 Wochen betragen könnte.

    Am nÀchsten Tag vereinbarte Stefan ein weiteres GesprÀch mit dem Vorstand und zeigte ihm die ProduktivitÀtsverÀnderung anhand des Diagramms sowie die resultierende Verzögerung des Fertigstellungstermins.

    „Tut mir Leid“, sagte er zu Herrn Menge, „aber angesichts dieser Ergebnisse kann ich den bisherigen Terminplan nicht guten Gewissens aufrecht erhalten. Das lĂ€sst sich auch nicht mehr sinnvoll mit Überstunden auffangen. Wenn Sie Zweifel daran haben, kann ich Ihnen auch die der Berechnung zugrunde liegenden Annahmen erlĂ€utern.“
    „Nein, lassen Sie nur“, seufzte Herr Menge. „Ich glaube Ihnen. Und Sie haben recht: Besser wir verschieben den Termin jetzt als den Kunden in ein paar Monaten noch mehr zu verĂ€rgern. Immerhin haben wir ja jetzt eine stichhaltige BegrĂŒndung. Bitte kĂŒmmern Sie sich um alles.“

    Bevor er das BĂŒro verließ, sprach ihn Herr Menge noch einmal an: „Oh, eins noch: Sie sollten ihre Instinkte nicht ignorieren, aber sie sollten ihnen auch nicht blind vertrauen. Genau das haben sie getan. Gute Arbeit!“

    Stefan freute sich ĂŒber das Lob und kehrte an seinen Arbeitsplatz zurĂŒck.

    Hier endet die Geschichte. Wenn Sie Interesse am Excel-Tool zur Fluktuationsberechnung haben, können Sie es hier im Rahmen der GPL-Lizenz herunterladen: Modellierung Fluktuation im Projekt (Excel)
    Wie man ProduktivitĂ€ten fĂŒr seine Mitarbeiter ermitteln kann beschreibt folgender Artikel: Messen Sie schon oder schĂ€tzen Sie noch?

    Published on Dezember 12, 2011 · Filed under: Modellierung, Projektleiter, Projektmanagement Fluktuation, Terminplanung; Tagged as: ,
    1 Comment

One Response to “Projektmanagement: Was kostet Fluktuation?”

  1. … [Trackback]…

    […] Read More: it-projektmanagement24.de/projektmanagement/terminplanung/projektmanagement-was-kostet-fluktuation.html […]…